Ist Perfektionismus der einzige Weg, um heute erfolgreich zu sein?

Wenn ich das schon höre oder lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ja, wir kennen alle Sätze wie:

  • Das Bessere ist der Feind des Guten.
  • Alles oder nichts.
  • Ich muss perfekt/fehlerlos sein, sonst lehnen mich andere ab.
  • Ich muss immer alles richtig machen (zu 100%), sonst bin ich eine Versagerin.
  • Nur das Optimum zählt.

 

Angst steht als Motor häufig dahinter. Angst, zu versagen, Angst abgelehnt zu werden, Angst, keine Anerkennung zu bekommen.

Schon lange gibt es diesen Widerspruch zwischen:

ich muss das alles können und perfekt machen, sonst…

oder:

damit dieses und jenes nicht eintritt, mache ich lieber…

und:

egal, raus damit in die Welt!

Na? Kennst du das? Praktizierst du auch das Eine oder Andere?

Hier ein paar beruhigende und ein paar aufwiegelnde Worte zum Thema Perfektionismus:

In der Psychologie ist dieses Streben nach möglichst hoher Perfektion, also dem Bedürfnis, alles richtig und bis ins kleinste Detail eben perfekt zu machen der eine Aspekt.

Der zweite Aspekt ist die Vermeidung von Fehlern, die den Drang zur Perfektion erhöht.

Psychologen haben sich intensiv damit auseinander gesetzt und einen Zusammenhang zwischen Perfektionismus und den Faktoren der „Big Five“ hergestellt. Dazu gehören diese Begriffe: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Dahinter stehen – und hier wird es spannend für uns Lernende – natürlich Werte, die in unserem Leben die antreibenden Merkmale für unser Wirken sind. Die Hälfte dieser Werte sind laut Untersuchungen genetisch verankert, der Rest kommt durch so genannte Umweltfaktoren, also Familie, persönliches Umfeld etc. zustande.

Bin ich Perfektionist/in wider Willen?

Nicht ganz. Heute geht es darum, möglichst Topleistung abzuliefern. Mittelmaß gibt es mehr als genug. Immer 100 Prozent geben ist selbstverständlich – egal, wie hoch die Leistungs-, Info-, Anforderungsdichte ist. Die Geschwindigkeit von heute ist der Feind des Perfektionisten. Wir wollen gut sein, besser sein, immer besser werden und stellen extrem hohe bis hin zu unrealistischen Ansprüchen an uns selbst. Der Druck wird größer und plötzlich ist das anfängliche funktionale Perfektionsstreben, auch Gewissenhaftigkeit genannt, ungesund. Der Fehlervermeidungs-Stress übernimmt hier das Kommando. 

Einher gehen:

  • Spontaneität-Verlust
  • schwarz-weiß-Denken
  • Fehler sehen, Schwächen bearbeiten
  • Erfolge nicht als solche gebührend anerkennen und/oder feiern
  • Zeitgefüge geht aus dem Ruder, du brauchst immer länger, weil du eben unzufrieden bist
  • Kritikannahme schwer bis unmöglich
  • Mangeldenken (alles, was fehlt, besser sein soll etc.)

Diese Denkhaltung führt unweigerlich zu Stress. Auswirkungen auf unsere Körper sind Anspannung, innere Unruhe etc. Die Gefühlswelt existiert in einer Ansammlung von Ängsten, Frust, Unzufriedenheit bis hin zu Depressionen. Schließlich ändert sich unser Verhalten. Perfektionisten sind gerne „nicht zu Ende Bringer“, weil es ja noch nicht perfekt ist.

  • Perfektionisten sind neuen Aufgaben gegenüber ängstlich, sie könnten sich ja nicht gut anstellen und Fehler machen.
  • Ziele werden ungern genannt, aus Angst vor Enttäuschungen.

Wie soll ein gestresstes Gehirn denken und lernen können?

Und? Hast du dich in ein paar Punkten wieder erkannt?

Die guten Nachrichten sind, dass es Auswege gibt.

Lass mich dir am Beispiel meines geliebten Schnelllesens klar machen, dass es nicht bedeutet, du würdest fehlerhaft, fahrlässig oder schlampig sein, wenn du nicht perfekt vorgehst:

Wenn du etwas sehr gut kannst, wie zB Lesen, das du ja ein Lebensalter minus 5-6 Jahre ausübst, dann hast du diese Fähigkeit auf einem hohen Level gewissermaßen perfekt zur Verfügung. 

Jetzt merkst du, dass die Anforderungen immer höher werden. Die Infos fliegen von jeder Seite auf dich zu und irgendwann stellst du fest, dass du all das nicht mehr schaffst. Nur schneller lesen hilft nicht, nach kurzer Zeit geht dir das Verständnis abhanden. Frust.

Übst du jetzt auf eine Weise, wie dein Gehirn damals die grundsätzliche Fähigkeit des Lesens gelernt hat, schneller lesen, wirst du sehr rasch große Erfolge erzielen. Die Crux ist, dass du einige Techniken brauchst, die deine Geschwindigkeit vorantreiben und andere, die dein Verständnis nachziehen. Beides gleichzeitig ist nicht sinnvoll, da verfällst du schnell in alte Muster, denen du dann bei hoher Geschwindigkeit nicht gerecht wirst.

Daher ist es am Beginn wichtig, Fehler zu machen!!!!

Ja genau! Fehler, das böse Wort, sind unerlässlich, denn sie zeigen dir exakt die Grenzen auf, innerhalb derer du dich bewegst. Außer dass du Fehler machst, passiert nichts Schlimmes. Durch bewusstes Fehler erzeugen verliert die Angst ihre Kraft vor selbigen. 

Wenn du ein nicht- und spürbar anderes Beispiel sehen magst, dann lies hier im Blog von Clarissa Hagenmeyer – Thema ist: Malen. Ich hab das auch getestet, und nach anfänglichem Widerstand… gönn es dir, wenn du Lust hast

Wenn dir egal ist, ob du beim Schnelllesen viel oder wenig Inhalt mitbekommst, geschieht eine Wandlung in deinem Gehirn und dein Unbewusstes schaltet neue Zonen der Wahrnehmung frei. Plötzlich verstehst du trotz Geschwindigkeit.

Jetzt ist die Zeit, diese Erfolge zu feiern! Unerlässlich auf dem Weg vom Perfektionisten zum entspannten Besser-Könner ist, dir selbst Anerkennung zu zollen. Das macht Mut, das erhöht deine innere Freude, das lässt dich erfolgreich weitermachen.

Ab hier ist Loslassen einfach.

Die  5 Schritte zum „perfekten Loslassen“ ????

  1. mache bewusst Fehler (für die Oberperfektionisten: du MUSST Fehler machten!)
  2. erkenne, was passiert, wenn du Fehler machst – und finde deinen eigenen Lernrhythmus (den du aufgrund des Stresses aufgegeben hast)
  3. fokussiere dich (wieder) auf deine Stärken
  4. erkenne Erfolge und mache sie dir bewusst
  5. lobe dich selbst – die eigene Einzigartigkeit ist es, die dich tatsächlich erfolgreich sein lässt!

Beobachte dich selbst, achte auf deine Perfektionsfallen und kümmere dich rasch darum, wieder in dein Gleichgewicht zu kommen. Nur so schaffst du mehr und bist besser darin, den Anforderungen dieser so schnellen Zeit gerecht zu werden.

Werde perfekt im Loslassen – das wünsche ich dir.